Literarische Sensation und politische Bildung

Wie der Rexhausen-Roman „Zaunwerk“ entdeckt wurde und was daraus entstanden ist - ein Gastbeitrag von Axel Bach

 

„Was wir vor uns haben, ist eine literarische Sensation“, schreibt Tilman Krause in seiner Rezension zum Erscheinen des Romans „Zaunwerk“. Ein Jahr später erscheint am 17.5. das Hörbuch – und man mag ergänzen: Was wir vor uns haben, ist auch ein kleines Wunder.

Felix Rexhausen, Journalist, Satiriker, Lyriker und Romanautor (1932 – 1992), war einer der ersten offen schwulen Autoren der Nachkriegszeit. 1964 beendete er das Roman-Manuskript „Zaunwerk“ – fünf Jahre, bevor der Paragraph 175, entschärft wurde. Einen Verlag gab es für das Buch allerdings nicht. So blieb der Text unveröffentlicht.

Und das wäre er vielleicht auch für immer geblieben, wenn sich der Literaturwissenschaftler Benedikt Wolf nicht im Rahmen eines Forschungsprojekts mit Felix Rexhausen beschäftigt hätte. Dafür hat er den im Archiv des Schwulen Museums gelagerten unsortierten Nachlass von Rexhausen wissenschaftlich aufgearbeitet. Dabei dabei stieß er eines Tages auf einen Stapel mit Durchschlägen maschinengeschriebener Seiten: Das „Zaunwerk“ war wiederentdeckt – und konnte allen Widrigkeiten zum Trotz endlich im Jahr 2021 erscheinen.

Der Klappentext verrät, dass das Buch ein Panorama vom Leben der Homosexuellen der alten Bundesrepublik entfaltet: ihrem Leben im Versteck, ihren kleinen Freiräumen und großen Sehnsüchten. Für Benedikt Wolf ist Zaunwerk ein „schwuler Pioniertext“, der es mehr als verdient hat, fast sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung „aus dem Schrank“ kommen zu dürfen: in der Buchreihe „Bibliothek rosa Winkel“ des Männerschwarm Verlags.

 

Der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen, der seinen Medienpreis nach Felix Rexhausen benannt hat, war gerne dabei, dieses Kleinod auch auf öffentlichen Lesungen vorzustellen. Von Anfang an war der Schauspieler Klaus Nierhoff als Sprecher der Rexhausen-Texte mit im Boot. Das Lesen der Texte hat ihn beschäftigt: „Das ist alles so plastisch, was Rexhausen geschrieben hat; fast wie Filmbilder.“ Daraus entstand auch seine Idee, aus diesem Text ein Hörbuch zu machen. Doch erst die Förderzusage der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, für einen Teil der Technik-Kosten aufzukommen, ermöglichte es, das ansonsten ehrenamtliche Projekt auch wirklich anzugehen.

Schließlich traf Klaus Nierhoff auf Astrid Kohrs von der „Gehörgäng“ – einem kleinen Berliner Hörbuch-Verlag. Die fand die Idee super und ist glücklich über die gelungene Umsetzung mit Klaus Nierhoffs Interpretation des Textes. Und ihre Kollegin Dana Golombek von Senden findet: „Er erschafft lebendige Bilder vor unserem geistigen Auge, so dass man tief in die Geschichten eintauchen kann.“

Axel Bach, der das Projekt mit dem BLSJ ideell unterstützt hat, macht noch auf etwas anderes aufmerksam: „Der Paragraph 175, der gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern unter Strafe stellte, wurde 1969 zwar liberalisiert aber erst 1994 abgeschafft. Wer als Journalist über schwule Themen schreibt, sollte sich dessen bewusst sein. Deshalb verstehe ich die Veröffentlichung auch als Recherche-Angebot und als Zeitdokument der politischen Bildung.“

Und darüber hinaus ist die Veröffentlichung auch ein kleines Wunder. Ohne die große Unterstützung von allen Seiten hätte das Hörbuch nie erscheinen können.

„Wer also wissen will, wie es sich angefühlt hat, im Nachkriegsdeutschland schwul zu sein, der wird in Zukunft an diesem exakt beobachteten, mit großer Milieukenntnis aufwartenden, dabei durchaus auch emotional mitreißenden, ja erschütternden Hybridtext nicht vorbeikommen.“ (Tilman Krause in „sissy“)

Pissoirs spielen im Roman immer wieder eine Rolle (hier die saubere und helle Variante im Tonstudio); von links: Phillis Fermer (Regie), Kaus Nierhoff (Sprecher), Hilmar Kerp (Tonmeister); Foto: Axel Bach

Das Hörbuch enthält:

  • den kompletten Roman „Zaunwerk“ (24 Geschichten, knapp 5 Stunden)
  • einen erläuternden Text des Literaturwissenschaftlers Benedikt Wolf zu Felix Rexhausen in den frühen 1960er-Jahren (etwa 23 Minuten)
  • eine Folge des „Qeerkram“-Podcasts von Johannes Kram, in der er mit Herausgeber Benedikt Wolf und Zeitzeuge Harm-Peter Dietrich über die Zaunwerk-Texte spricht. Was wäre wohl passiert, wenn der Roman 1964 als wohl erster schwuler Roman in Deutschland hätte erscheinen können? (65 Minuten)

Zaunwerk – Szenen aus dem Gesträuch
von Felix Rexhausen
gelesen von: Klaus Nierhoff (Facebook)
Regie: Phillis Fermer
Tonmeister: Hilmar Kerp, aufgenommen in den Soundhouse Tonstudios Köln

Erscheinungstag: 17.5.2022, 17.50 Uhr

Die Veröffentlichung wird durch die Salzgeber Bucherverlage durch die kostenfreie Überlassung der Nutzungsrechte sowie durch eine Förderung der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung ermöglicht.

 

Manuskript Zaunwerk; gefunden im Nachlass von Felix Rexhausen im Archiv des Schwulen Museums

Tonaufnahmen des Romans „Zaunwerk“ von Felix Rexhausen; von links: Phillis Fermer (Regie), Axel Bach (BLSJ), Kaus Nierhoff (Sprecher), Hilmar Kerp (Tonmeister); Foto: BLSJ

MartinaBleuler

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